Das Menschenbild, das der Heileurythmie zugrunde liegt:

Der Heileurythmie liegt das von Rudolf Steiner gegebene anthroposophische Menschenbild zugrunde. Dieses geht davon aus, dass der menschliche Körper von drei weiteren nicht sichtbaren Körpern durchdrungen ist. Es wird von den vier Wesensgliedern gesprochen: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. In der Seele sind die drei Qualitäten Denken, Fühlen und Wollen zu finden. Diese haben ihre leiblichen Entsprechungen im sogenannten Nerven-Sinnes-System, im rhythmischen System und im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem.
Für die Therapie gilt es, die Ausdrucksformen der vier Wesensglieder und der drei Seelenqualitäten differenziert wahrzunehmen, um sie durch entsprechende „Bewegungsheilmittel“ wieder in ein Gleichgewicht zu bringen.

Die vier Wesensglieder

Der physische Leib

Der physische Leib unterliegt den chemischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten.
Er kann dem Element Erde und dem Mineralischen zugeordnet werden. Dies ist vor allem im Sterbeprozess deutlich. Ohne die Durchdringung der anderen Wesensglieder unterliegt er den Gesetzen des Mineralischen und zerfällt.
Außerdem ist er von den Gesetzen der Gravitation beherrscht, was ihn schwer macht. Neben der Schwere sind Festigkeit und Dauerhaftigkeit Aspekte des Physischen. Der Körper erneuert sich zwar fortwährend, aber die charakteristischen Formen und Merkmale wie Fingerabdruck und Gesichtszüge bleiben.
Der physische Körper ist durchdrungen von den drei nicht sichtbaren Wesensgliedern, die an ihm Phänomene ihrer Wirkung zeigen.
Im physischen Leib wirken zunächst die Vererbungskräfte und Gene der Vorfahren. Es ist möglich, diese durch bewusstes Üben zu verändern und zu überwinden.

Der Ätherleib

Der Ätherleib (Äther ist hier nicht im Sinne der Physik zu verstehen, sondern wird als Bild des Unsichtbaren verwendet) wird auch Lebensleib oder Vitalkörper genannt.

Er durchdringt den physischen Körper vollständig und ist verantwortlich für die Organprozesse. Diese hält er durch ein ständiges Strömen und in Bewegung sein am Leben. Im Tod löst sich der Ätherleib auf, wodurch alle Vitalität aus dem physischen Körper weicht. Durch diese vitalen Kräfte können wir uns, trotz der Gravitationskraft, körperlich und seelisch leicht fühlen.
Der Ätherleib kann dem Element Wasser und dem Pflanzendasein zugeordnet werden. Eine Pflanze hat Vitalität, aber keine Emotionen oder Entscheidungsfähigkeit. Sie reagiert auf äußere Bedingungen wie Licht, Wasser und Nährstoffe.
Der Ätherleib entspricht dem Bewusstseinszustand des Schlafes, da sein Wirken (z.B. die Organtätigkeit) in der Regel unbewusst bleibt.
Zum Wirken des Ätherleibes zählen Wachstum, physische Entwicklung, Regenerationsfähigkeit, Reproduktion und Ernährung.
Durch die Kraft des Ätherleibes erfolgt die Wachstumsphase in den ersten sieben Lebensjahren nach den Gesetzen der Vererbung. Danach beginnt der Mensch sich zu individualisieren. Dadurch werden die Kräfte des Ätherleibes nicht mehr in der Intensität für das Wachstum gebraucht, sodass sie teilweise frei werden. Aus den frei gewordenen Kräften bilden sich die Gedanken und Gedächtniskräfte. Dies ist auch im Zustand der Erschöpfung zu bemerken. Wenn der Ätherleib schwach ist, arbeitet er als erstes am Aufbau der Vitalitätskräfte, wodurch das Gedächtnis und die Konzentration geschwächt ist.

Der Astralleib

Der Atralleib kann auch Seelenleib oder Empfindungsleib genannt werden. Er ist der „Wohnort“ der Seele und hat gleichzeitig ganz eigene Qualitäten. Er durchdringt den Ätherleib und den physischen Leib und ist etwas größer.
Der Astralleib kann dem Element Luft zugeordnet werden und ist auch beim Tier zu finden. Die Äußerungen der Emotionen können als luftig bezeichnet werden: die Fähigkeit, schnell zwischen Gefühlen zu wechseln und geistesgegenwärtig zu sein, hat einen luftigen Charakter. Außerdem wird den Gefühlen durch Bewegungen, Atmung und Sprache Ausdruck verliehen, was mit dem Element Luft in Beziehung steht.
Der Astralleib entspricht dem Bewusstseinszustand des Träumens. Er hat zwar Bewusstsein, ist aber eher durch Neigungen und spontane Gefühle gesteuert.
Neben dem Menschen besitzen auch die Tiere einen Atralleib. Er macht seelische Regungen wie Hunger, Lust, Schmerz, Gier, Angst, Instinkte und Triebe bewusst.
Im Schlaf nimmt der Astralleib Abstand von physischem Leib und Ätherleib, damit sie sich erholen können. Denn die Vielfalt der Gefühlsregungen und des Bewusstseins sind auf Dauer anstrengend. Kehrt der Astralleib am Morgen zurück in den Körper, so auch das Bewusstsein.
Ab dem 7. Lebensjahr lernt ein Kind sich zu reflektieren. Dies ist durch die Kräfte des Astralleibes möglich, die jetzt erst richtig in Erscheinung treten. Mit ca. 14 Jahren ist der Astralleib ausgereift.

Das Ich

Der Ich-Leib oder die Ich-Organisation ist von den vier Wesensgliedern am größten und durchdringt die anderen drei Glieder.
Durch das Ich ist der Mensch fähig, Pflichten zu erfüllen, Entscheidungen zu treffen und auch deren Konsequenzen zu tragen. Das Ich gibt uns die Fähigkeit uns zu integrieren, die Kontrolle zu bewahren und etwas in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
Dem Ich entspricht der wache Bewusstseinszustand. Der Grad der Wachheit ist individuell verschieden und kann durch Meditation, Kontemplation und andere Übungen bis zur Geistesgegenwart geübt werden.
Durch das Ich ist der Mensch fähig sich zu erinnern. Dadurch kann er in die Vergangenheit und in die Zukunft blicken.
Erholung erfährt das Ich durch das Vergessen. Was für den Astralleib der Schlaf ist, ist für das Ich das Vergessen.
Das Ich wird dem Element des Feuers und der Wärme zugeordnet und ist nur beim Menschen zu finden. Durch das Ich wird der Mensch erst fähig sich zu begeistern, wodurch Körperwärme entsteht.
Das Ich oder die Ich-Organisation ist nicht zu verwechseln mit dem höheren Ich, was als ewiger Anteil der Persönlichkeit bezeichnet werden kann.
Durch das Ich kann der Mensch differenzierte Seelenqualitäten erleben. Tiere haben zwar auch eine Art Bewusstseinszustand, sie können aber nicht zwischen Denken, Fühlen und Wollen differenzieren. Es ist eine Art Mischgefühl. Erst der Mensch kann durch das Ich die drei Qualitäten getrennt erleben.

Denken, Fühlen und Wollen – drei Seelenqualitäten

Durch das Ich kann der Mensch einzeln auf die drei Grundkräfte der Seele Denken, Fühlen und Wollen zugreifen. Für das Seelenleben ist es wichtig, eine Harmonie zwischen den Kräften zu halten bzw. immer wieder herzustellen.
Diese drei Seelenkräfte haben ihre Entsprechung im physischen Leib, der in drei große Systeme unterteilt werden kann.
Rudolf Steiner spricht vom Nerven-Sinnes System, vom Rhythmischen System und vom Stoffwechsel-Gliedmaßen System. Wird ein System zu stark ausgebildet, treten beim Menschen Einseitigkeiten bis hin zu Krankheiten auf. Durch die Aktivierung der entsprechenden Seelenkräfte kann der Mensch bis ins Physische wieder in ein Gleichgewicht kommen.

Das Nerven-Sinnes System

Das Nerven-Sinnes System hat seine stärkste Ausprägung im Kopf. Dort sind Sinne und Nerven zu finden. Die Sinne tragen dem Nervensystem Reize und Informationen zu, um sie zu verarbeiten. Dadurch kann das Nerven-Sinnes System im Kopfbereich, also im oberen Menschen lokalisiert werden.
Es ist die Aufgabe des Nerven-Sinnes Systems Signale, Reize und Erregungen zu verarbeiten und dadurch die Organprozesse und die Strukturerhaltung zu regeln. Damit hat es den Charakter eines ordnenden Elementes. Charakteristisch für den oberen Menschen sind Ruhe, Formkraft, Struktur und Bewusstsein.

Das Stoffwechsel-Gliedmaßen System

Das Stoffwechselsystem ist im Bauch- und Beckenraum zu lokalisieren. Dazu gehören die Gliedmaßen. Es ist also im unteren Menschen zu finden. Die Hauptaufgabe des Stoffwechselsystems ist die Aufnahme von Stoffen, die Stoffverarbeitung, der Auf- und Abbau von Stoffen sowie die Stoffausscheidung. Die Energie des Stoffwechsels wird am stärksten durch Arme und Beine in Tätigkeit umgesetzt. Charakteristisch für das Stoffwechsel-Gliedmaßen System ist Bewegung, Vitalität und kaum vorhandenes Bewusstsein.

Das rhythmische System

Das rhythmische System ist von ausgleichender Natur und lebt stark von Rhythmus und Periode. Am stärksten ist dies im mittleren Menschen zu lokalisieren, durch Herzrhythmus und Atmung.
Das Nerven-Sinnes System und das Stoffwechsel-Gliedmaßen System sind gegensätzliche Pole. Das rhythmische System sorgt für ein Wechselspiel und einen Ausgleich der Qualitäten. Durch Rhythmen und Wechsel wie Schlafen und Wachen, Freude und Ernst, Entspannung und Konzentration, Einatmen und Ausatmen, Systole und Diastole, Aufbau und Abbau wird durch diesen Pendelschlag immer wieder ein Ausgleich geschaffen.

Zusammenfassung

Es kann eine Brücke geschlagen werden zwischen den vier Wesensgliedern und den drei Seelenqualitäten des Menschen.
Michaela Glöckler hat den Zusammenhang zwischen allen Gliedern treffend formuliert:

„Der Mensch verdankt sein Denken den vom Körper freiwerdenden ätherischen Kräften und Gesetzen, sein Fühlen den freiwerdenden astralischen Kräften und Gesetzen und sein freies Willensvermögen den sich vom Körper lösenden Gesetzen der Ich-Organisation“ (1)

Das Denken lebt in der Verbindung zwischen den vitalisierenden Ätherkräften und den strukturschaffenden Kräften des Nerven-Sinnes Systems.
Das Fühlen lebt durch die impulsiven Astralkräfte und durch die ausgleichenden Kräfte des Rhythmischen Systems.
Und das Wollen lebt auf der einen Seite durch die zielgerichteten Kräfte des Ichs, und auf der anderen Seite durch die eher chaotischen Kräfte des Stoffwechsel-Gliedmaßen Systems.

(1) Michaela Glöckler, http://www.anthroposophie-lebensnah.de/lebensthemen/anthroposophische-menschenkunde/denken-fuehlen-und-wollen-und-leib-seele-und-geist/